• Übers Ziel hinausgeschossen
  • SCIP-Datenbank hinterfragt …

Berlin, 27. Mai 2020 - Wie wichtig das Wohl der Umwelt und der menschlichen Gesundheit ist, sollte in diesen Zeiten außer Frage stehen. Neben COVID19 beschäftigen den Elektronikmarkt weitere Umwelt-Themen mit drängendem Handlungsbedarf, auch wenn sie derzeit scheinbar in den Hintergrund gerückt sind. Im Rahmen des 2015 verabschiedeten EU-Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft ist im Juli 2018 die überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie in Kraft getreten. In diesem Zusammenhang hat die EU die ECHA mit der Erstellung einer SCIP (Substances of Concern in Products)-Datenbank beauftragt.

ECHA? Genau, diese Organisation zeichnete auch schon für den Guide zur REACh Verordnung (EG1907/2006) der EU verantwortlich – und sorgte damit für einen Aufruhr in der Branche im Mai 2017 (!) weil: „Der Guide 4.0 ist nicht klar verständlich. Und - noch schlimmer - er enthält Regelungen, deren Umsetzung effektiv nicht realisierbar ist.“ Das bestätigte ORGALIME (Dachverband der europäischen Investitionsgüterindustrie) in der Anmerkung 578 (Appendix 5, Example 2) am Beispiel Leiterplatte: ‚nicht machbar‘ bzw. ‚not for discussion‘. Tatsächlich stellte sich bei genauem Blick auf die Handhabung heraus, dass – wenn jeder Bestandteil eines komplexen Objektes (z.B. Leiterplatte) auf seine ursprünglichen Erzeugnis-Ebene heruntergebrochen werden muss - für jede Ebene eine eigene BOM notwendig ist. Das macht also bei drei Ebenen drei BOMs oder eine BOM-BOM-BOM-Liste.

Nun also auf ein Neues… Die EU erteilte wieder der ECHA den Auftrag zur Erstellung einer Datenbank mit Informationen zu Artikeln, die besonders besorgniserregende Stoffe (SVHCs aus der Kandidatenliste) enthalten: Geburtsstunde der SCIP-Datenbank. Ab dem 5.1.2021 müssen Unternehmen, die Artikel mit SVHCs herstellen, Informationen zu diesen Artikeln an die SCIP-Datenbank übermitteln. Dabei können diese Artikel in der EU hergestellt oder aus Nicht-EU-Ländern importiert werden. Als Importeure von Produkten übernehmen Bauelemente Distributoren automatisch die Pflichten eines Herstellers und damit auch die Verantwortung.
Laut einer im Vorfeld durchgeführten Umfrage bei den FBDi-Mitgliedsunternehmen erwarten diese sehr unterschiedlichen Aufwand – von vernachlässigbar bis hin zu mehreren Mannjahren, unabhängig vom IT-Einmalaufwand. Der Grund dafür ist, dass die Angaben der Hersteller bei komplexeren Baugruppen nicht bis auf die Bauteilebene reichen, und daher SVHCs nicht richtig angegeben werden. Vor allem Distributoren mit höherem Anteil von komplexeren Modulen im Produktportfolio rechnen mit einem deutlich höheren Arbeitsaufwand als ihn die EU bei der Beschlussfassung zur SCIP-Datenbank abschätzte.

Deja-vu… Wieder geht es um Unklarheiten und unverhältnismäßigen Aufwand. Denn die SCIP-Datenbank verlangt Angaben, die effektiv über die in der Gesetzgebung vorgeschriebenen Vorgaben hinausreichen. Auch fehlt die Möglichkeit auf ggfls. bereits eingetragene Bauteile zu verlinken oder diese zu kopieren und die Vorgabe aller Varianten eines Endprodukts als separates Produkt zu betrachten. Die Distributoren fragen sich: Haben die Zuständigen der ECHA schon mal an den Mehraufwand gedacht und an das sich potenzierende Datenvolumen? Muss das sein?

Klar ist, dass der FBDi die Bemühungen der EU unterstützt, den Binnenmarkt vor SVHCs zu schützen. Auch soll die Entsorgung nicht nur kritischer chemischer Substanzen im Rahmen der Abfallrahmenrichtlinie ökologisch gestaltet werden.
Dennoch bleiben deutliche Zweifel an der SCIP-Datenbank – und mehr: Wir halten ihre Durchführung für nicht realisierbar, sondern wir sehen ihre Einführung sowohl als kritisch als auch als fragwürdig. Kritisch und überzogen lautet auch die Einschätzung anderen Verbände wie Bitcom, VDMA und ZWEI.
Es wäre wünschenswert, dass durch die aktuelle COVID19-Pandemie das Projekt SCIP zeitlich zurückgestellt wird. Und es wäre auch wünschenswert, dass die Zuständigen in dieser Zeit die Struktur der Datenbank intensiver betrachten – und nachbessern. Es ist ja keine Schande, rechtzeitig nachzubessern und zu optimieren bevor unausgereifte Projekte in die Öffentlichkeit gehen.

Autor: Andreas Falke, Geschäftsführer FBDi e.V.

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